München - sueddeutsche.de : Von Anna Martinsohn
Alle fünf Kletterhallen in und um München sind ausgelastet - Betreiber planen Erweiterungen und Neubauten
Bunte Griffe ziehen sich durch die 15 Meter hohe Wand, die zunächst senkrecht nach oben und schließlich in einen Überhang führt. Sie endet im Dach, parallel zum Erdboden. Knapp unter der Decke hängen dort zusammengeschnürt in ihren Gurten muskulöse Sportler, die geradezu klein aussehen, so weit sind sie vom Boden weg. Wie pendelnde Lampenschirme wirken sie mit all ihren baumelnden Seilen, Schlingen und Karabinern. Ein fortwährendes, aber leises Klirren in luftiger Höhe ist zu hören.
Am Boden in der Kletterhalle des Deutschen Alpenvereins (DAV) in Thalkirchen dagegen Kontrastprogramm: Reges Stimmengewirr, herumliegende Seile, Kletterschuhe, der Geruch von Gummi und Schweiß. Nicht gerade Alpenromantik, dafür ist in der Welt der Plastikgriffe kein Platz.
Klettern in der Halle ist in und um München ein beliebter Freizeitsport. Fünf solcher Hallen gibt es im S-Bahnbereich. Gerade abends unter der Woche sind alle sehr gut besucht, der Boom der vergangenen Jahre ist ungebrochen. "Von Wirtschaftskrise merken wir Kletterhallenbetreiber nichts", sagt Adrian Dragani von der Halle High East in Heimstetten. Er hat seine Meinung zu den wirtschaftlichen Entwicklungen: "Erst wenn der Sportbereich die Krise merkt, ist sie wirklich angekommen." Peter Zeidelhack, Betriebsleiter DAV-Halle in Thalkirchen ergänzt: "Im Gegenteil, die Kundenzahl steigt sogar." Klettern ist also offenbar populärer denn je.
"Viele Sportler, die früher ins Fitnessstudio gegangen sind, kommen jetzt zu uns, weil Klettern ein Ganzkörpersport ist und dazu noch den Kopf fordert" erklärt Ursula Müller vom High East den Trend. "Ich habe damit meine Höhenangst überwunden", begründet eine Kletterin ihre Wahl für den Sport. Seit fünf Jahren gibt es die Heimstettener Halle, die wie die beiden DAV-Kletterzentren in Thalkirchen und in Gilching als besonders gut ausgestattet gilt. Hier klettert, "wer Wert auf zusätzlichen Komfort legt", sagt Ursula Müller. Als einzige Halle in der Region gibt es im High East etwa Klimaanlage und Sauna. Das soll die zahlungskräftige Mittelschicht ansprechen. Deshalb leistet sich die Halle auch als einzige in Deutschland einen festangestellten Mitarbeiter, der regelmäßig neue Routen schraubt. Dave Cato ist gebürtiger Brite und eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Mittlerweile schraubt er auch Routen für den DAV, aber er fühlt sich bei der privaten Anlage in Heimstetten sehr wohl. Das High East verlassen? "Nein, ich kann hier meine Ideen umsetzen, was will ich mehr?"
Rund 180 Besucher zählt die Halle pro Tag im Schnitt. Ähnlich ausgelastet sind auch die Anlagen des DAV, besonders die große Thalkirchner Halle. "Wenn es gut läuft, haben wir schon mal 500 Kunden pro Tag", sagt Peter Zeidelhack. In den Abendstunden wartet der Kletterer also geduldig in einer Schlange auf die nächste freie Route, von 19 Uhr an sogar auf einen freien Spind. "Nervig ist das schon", schimpft eine Besucherin, die mit ihrem Partner gemeinsam klettert. "Aber wir wohnen hier in der Nähe und in den anderen Hallen ist es ja ähnlich."
In Thalkirchen wird deshalb bald angebaut. Baubeginn ist im Frühjahr 2010, bis zum Herbst soll die Erweiterung fertig sein. Dann will der Alpenverein auch eine weitere Halle in der Nähe des Fröttmaninger Stadions bauen, in Gilching soll die Kletterfläche im Außenbereich größer werden. "Der Markt ist da," ist Felix Felle von der Gilchinger Halle überzeugt. "Ob sich die Mitglieder später besser verteilen, wird sich zeigen."
Wer in den DAV-Hallen oder in der Halle des Männerturnvereins (MTV) am Goetheplatz als Mitglied bezeichnet wird, heißt anderswo Kunde. Eintritt bezahlen müssen alle: Zwischen 3,50 Euro und 14,50 Euro kostet ein Besuch, bei dem der zahlende Gast unbeaufsichtigt klettern darf. "Nur wer blöd auffällt, fliegt raus," sagt Andreas Feile. Der Geschäftsführer im Heavens Gate am Ostbahnhof weist jede Aufsichtspflicht wie etwa bei Bademeistern von sich und räumt ein: "Natürlich kann man nicht zu jeder Zeit überall sein. Wer bei uns klettert, tut das auf eigenes Risiko."
Seine Halle war die erste in München und ursprünglich ein Kartoffelmehl-Silo der Firma Pfanni. Die Halle gehört zur bundesweit aktiven Interessengemeinschaft Klettern (IG Klettern). In den früheren Befüllungsschächten verlaufen heute mehr als 30 Meter lange "Ausdauerrouten", wie er sie nennt. Garstig einsam ist man in einem solchen Schacht, wenn man erst mal den blechverkleideten Einstieg gemeistert hat. Ab Meter 20 schlägt der Puls Purzelbäume, denn aus anderen Hallen ist man höchstens 15 Meter gewöhnt. Schaut man dann aus 30 Metern hinunter, wirkt der sichernde Partner winzig klein und sehr weit weg.
Doch viele Kletterer mögen genau diesen Kitzel. Im Heavens Gate tragen sie Rastas und Schlabberhosen und somit zum alternativen Flair des Ladens bei, der eher Backpacker-Hostel als Wellnesstempel ist. Hier gibt es auch kostenloses Drahtlos-Internet und eine "Tee-Flatrate" - für 3,70 Euro kann man so viel trinken, wie man mag. Das alles beschert der Halle eine Menge Stammgäste. "Wenn ich zu Weihnachten einen Tag schließe, bekomme ich schon fast Ärger," sagt Feile grinsend. "Bei manchen Kunden bin ich mir nicht sicher, ob sie überhaupt ein Zuhause haben."
Rund 150 Besucher hat er pro Tag in seiner Halle, was ihm Jahresumsatz von "knapp unter einer Million Euro" beschert. Von Konkurrenz zu den anderen Anlagen will Feile nicht sprechen: "Weil jede Halle ein bisschen anders ist, futtern wir nicht so sehr am selben Kuchen."
Mehr Informationen über die einzelnen Hallen in und um München im Internet unter » www.sueddeutsche.de/klettern